Farbcollagen
Werkauswahl und Archiv
Die Farbcollagen von Carsten Schneider verwandeln Zeitungsmaterial durch Überarbeitung, farbliche Setzung und Verdichtung in eigenständige abstrakte Bildräume.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Die Farbbilder
Die Grundlage dieser Arbeiten ist die tägliche Zeitung. Ich entnehme ihr gezielt Farbfelder, Raster und Streifen aus Bildern, Grafiken und Werbeanzeigen. Diese Fragmente werden aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und zu neuen Gefügen zusammengesetzt.
Durch das Kaschieren auf Triplexpappe entstehen Oberflächen mit einer spürbaren, reliefartigen Struktur. So wird aus dem flüchtigen, dünnen Papier ein fester Bildkörper. Mich leitet dabei der Gegensatz zwischen der schnellen Information einer Zeitung und der Zeit, die es braucht, um ein solches Bild Zentimeter für Zentimeter und Schicht für Schicht aufzubauen. Das Ergebnis sind Farbräume, die ihre Herkunft aus dem Alltag zwar zeigen, aber nun als eigenständige, ruhige Objekte wirken.
Weltfell
Zeitungsfelle aus der Welt
Die Werkserie „Weltfell“ setzt bei einem scheinbar bescheidenen Material an: schmalen, auf Triplexpappe kaschierten Streifen aus der Tageszeitung "Die Welt". Diese auf Holzträger montierten Zeitungsstreifen werden so dicht und überlappend geschichtet, dass sie eine Oberfläche bilden, die zugleich an Fell, Gewebe und Wasserfall erinnert. Was ursprünglich Träger tagesaktueller Informationen war, verwandelt sich in eine sinnlich erfahrbare Haut der Welt – eine Oberfläche, in der sich Zeit, Nachrichtenfluss und Materialgeschichte sedimentieren.
In ihrer seriellen Anlage knüpfen die „Weltfelle“ ein feines Band an ihre Herkunft: Zeitungsstreifen, deren bedruckte Geschichte unter der Farbigkeit nur noch als feines, beinahe geheimes Flimmern anwesend ist. Die Collagen operieren damit zugleich als abstrakte Farbfelder und als Archiv des Sichtbaren – ein Stillstand im permanenten Strom der Bilder und Schlagzeilen.
Der Entstehungsprozess ist langsam, fast asketisch: Tausende von Streifen werden zugeschnitten, auf 1,5 Millimeter starke Pappen kaschiert, Schicht für Schicht verklebt, verdichtet, geglättet oder bewusst unruhig belassen. Nach einem Arbeitstag ist die Veränderung oft nur minimal – wie bei einem Teppich oder Fell, das Faser um Faser wächst. In jedem „Weltfell“ wird so Zeit buchstäblich eingearbeitet: als handwerkliche Dauerleistung, als sedimentierte Aktualität der Zeitung und als stille Antwort auf die Flüchtigkeit medialer Ereignisse. Die fertigen Arbeiten erscheinen wie konzentrierte, atmende Bildkörper, in denen das Rauschen der Welt zu einer eigenständigen, präzise komponierten Oberfläche geworden ist.
Zeitungsstreifen
Diese Serie folgt einem klaren Prinzip: Die Zeitung dient nicht als Bildträger, sondern als Vorrat an Farben und Rastern. Auf Triplexpappe oder Holz montiert, laufen die schmalen Streifen geordnet nebeneinander herab. Es entstehen kaum Überlagerungen, sondern regelmäßige Reihungen, die an Regen, Vorhänge oder musikalische Notationen erinnern. Die Bildfläche wirkt wie eine optische Partitur – ein ureigener Rhythmus, der durch die feinen Unterschiede im Papier zu vibrieren scheint.
In „Gesichten“ (125 × 250 cm) stammen die Streifen aus der Sonntagsbeilage des Tagesspiegels (Rubrik mit Schwarzweiß-Porträts). Aus vielen Hundert Gesichtern entsteht ein Feld, das Portrait und Ornament zugleich ist. Oft meint man ein Bild „dahinter“ zu sehen – es entsteht erst im Wahrnehmen.
Facetten der Meister
Zeitungscollagen nach Motiven der Kunstgeschichte
Wann immer eine Tageszeitung bedeutende Kunstwerke wie Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ oder Dürers „Melencolia I“ abbildet, erwerbe ich diese Ausgabe in großer Stückzahl – oft hundertfach. Ich zerlege die identischen Reproduktionen in tausende kleine Rechtecke, koloriere deren Ränder von Hand und setze sie neu zusammen.
Die ursprüngliche Ikone wird so in ein Raster aus bis zu 8.000 Fragmenten aufgelöst. Es entsteht ein vibrierendes Feld, in dem das vertraute Motiv unter einer neuen Haut aus Zeitungspapier beinahe verschwindet.
Odilons Papillons nach „Papillons“ (1910)
Schmetterlinge im Neon-Gewitter der Reproduktion
Diese Arbeit nimmt den „Schmetterlingsschwarm“ des Originals beim Wort. Statt gemalter Insekten flattern hier tausende aufkaschierte Zeitungsquadrate. Das Bild existiert nicht mehr als „Original“, sondern als massenhaft vervielfältigtes Druckraster.
Die Fakten der Arbeit:
- Fragmente: 7.920 einzelne Teilchen.
- Handarbeit: 31.680 einzeln mit Neonfarben gefasste Ränder.
- Präzision: Über 125.000 Schnitte waren nötig, um das Werk neu zu orchestrieren.
Aus der Distanz wirkt das Werk wie eine flimmernde Farbwelle; aus der Nähe betrachtet zerfällt es in die kleinsten Partikel der Zeitungsreproduktion: ein Schmetterlingsschwarm aus aufkaschierten Zeitungsstückchen, der das Auge buchstäblich ins Flattern bringt.
Blaue Pferde, getürmt
Nach Franz Marc, „Der Turm der Blauen Pferde“
Grundlage ist eine nur 8 × 5 cm große Zeitungsabbildung des verschollenen Gemäldes. Aus 110 identischen Exemplaren dieser Ausgabe entstanden 2.640 Fragmente, deren 10.560 Ränder ich dunkel bemalt habe.
In dem neuen Raster von 10 × 11 Einheiten ist das Motiv der Pferde nicht mehr direkt erkennbar – sie sind im wörtlichen Sinne „getürmt“. Die Arbeit dokumentiert den Übergang von der winzigen Information in der Zeitung hin zu einem großformatigen, physischen Objekt.
Weitere Facetten
Weitere Arbeiten in „Facetten der Meister“ beziehen sich auf Dürer, Warhol, Nay und Vermeer. In Arbeit sind „Munch am Meer – Facetten zweier Einsamkeiten“ und ein vielfacher Kentridge.
Im Teilchenentschleuniger
Wellenteilchen in der Teilchenwelle
In dieser Serie von Zeitungs-Collagen werden Tausende von Börsenkursen ihrer ursprünglichen Bedeutung entkleidet. Kurslisten, Diagramme und Indizes – alles, was einst für Wert, Risiko und Information stand – wird zerschnitten und neu gefügt. Übrig bleiben grafische Restformen: Wellen und Linien, Berge und Täler. Im „Teilchenentschleuniger“ erstarren sie zu Wellenteilchen – reine Form, bar jeder Bewegung.
Der Anlagemarkt mag chaotisch erscheinen, ist er doch die verdichtete Summe menschlicher Entscheidungen, Emotionen und Schicksale. In den fragmentierten Wellenteilchen lagern die Ängste der Anleger, die Hoffnungen auf schnellen Reichtum und die stillen Katastrophen ganzer Volkswirtschaften. Kurven, die einst Aufstieg und Fall von Unternehmen markierten und das Schicksal von Staaten beeinflussten, werden hier zu stummen Zeugen eines vergangenen Herzschlagfiebers der Spekulation.
Auf dem hölzernen Untergrund verdichtet sich die Menge der Fragmente zu einem scheinbar bedeutungsvollen Feld. Doch was bleibt, sind nur die Hüllen des großen Brimboriums des Marktes: Wellenteilchen in der Teilchenwelle.
Farbcollagen
Die Farbcollagen bestehen vollständig aus Zeitungspapier: Es werden keine Farben hinzugefügt. Die Farbigkeit ist gefundenes Material – Druck, Raster, Papier, Zufall und Redaktionslogik liefern die Palette. Die Fragmente werden ausgewählt, geschnitten und zu kompakten Feldern gefügt, dann auf Triplexpappe und anschließend auf Leinwand oder Holz kaschiert. So entsteht aus dem ephemeren Träger der Nachricht ein dauerhaftes Bildobjekt: Farbe als Fundstück, Fläche als Montage.
Quadratische Farbcollagen
Querformatige Farbcollagen
Hochformatige Farbcollagen
Dürer-Variationen
12 Variationen auf Dürers Melencolia I
In den Dürer-Variationen wird Albrecht Dürers „Melencolia I“ ins Zeitungspapier übersetzt. Durch Zerschneiden, Verschieben und Neuordnen entsteht eine Folge von Hommagen, in denen sich Ernst und spielerische Lust am Experiment die Waage halten. Jeweils Zeitungspapier auf Triplexpappe auf Leinwand. (Siehe auch die Dürer Großcollage unter "Facetten der Meister")
Kunstpostkarten und Mail-Art
Berlin - Spreeathen
Berlin - Museumsinsel
Lehrlingscollagen
Sammeltütensammlung
Diese Rubrik versammelt Serien unscheinbarer Alltagsobjekte: Sammeltüten. Was zunächst wie eine schlichte Anhäufung erscheint, erweist sich als Untersuchung von Vollständigkeit und der leisen Ästhetik des Seriellen – eine Suche nach Schönheit innerhalb der Konsum- und Kulturindustrie.
Jede Arbeit folgt der Logik des Aufdrucks: Steht dort „1 von 25“, besteht das Werk aus exakt 25 Tüten. Nicht der Inhalt zählt, sondern die konsequente Erfüllung der auf der Hülle gesetzten Vorgabe.
Durch die akribische Vervollständigung wird das Beiläufige in eine geschlossene, nahezu archivarische Form überführt. Die Kaschierung auf Holz stabilisiert die fragilen Träger und markiert ihren Statuswechsel: vom Distributionsmittel zum Objekt.
Die „Sammeltütensammlung“ liest Konsumspuren als Material: systematisch erfasst, formal fixiert, als ästhetische Tatsache ausgestellt. Was zählt, ist die Zählung.
Kreuzcollagen
Diese Rubrik versammelt cirka zweihundert Kreuzcollagen. Das Kreuz erscheint hier als Bildform – nicht als persönliches Glaubensbekenntnis. Die Arbeiten bestehen überwiegend aus collagiertem Zeitungspapier, auf Holz kaschiert; viele sind als Relief ausgeführt und gewinnen dadurch eine körperliche Präsenz.
Das Kreuz interessiert mich als verdichtete Form: Schnittpunkt von Horizontaler und Vertikaler, als elementares Ordnungszeichen. Kulturell ist es vielfältig besetzt – vom Verbotsschild über das Zeichen der Hilfe bis zum Grabkreuz. In den Collagen wird diese Form aus vergänglichem Zeitungsmaterial neu gefügt: Farben, Bild- und Textfragmente werden ihrer primären Mitteilungsfunktion entzogen und als Bausteine einer bildnerischen Setzung reorganisiert.
Einzelne Werkgruppen – etwa modellierte Reliefkreuze oder die „Fleischkreuze“ – variieren den Ansatz und verschieben den Fokus auf Materialität, Körperlichkeit und kulturelle Überformung bis zur Überdeutung.
Fleischkreuze
Vom Wort zum Fleisch auf dem Papier
Die Werkgruppe der „Fleischkreuze“ nimmt eine Formulierung aus dem Johannes-Evangelium auf: „Im Anfang war das Wort … Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ In diesen Collagen wird dieses Zitat jedoch nicht als religiöses Bekenntnis, sondern als handfestes Prinzip der Bildentstehung genutzt.
In diesen Collagen wird gedruckte Information – das „Wort“ in Gestalt von Zeitung – in physische Präsenz überführt. Die „Fleischstücke“ stammen aus Berichten und Anzeigen großer Zeitungen: fotografierte Steaks, Wurstwaren, Fleischberge. Durch Schneiden, Schichten und Kleben lösen sich die Bilder aus ihrem Werbekontext und verdichten sich zu einer kompakten Masse. Das flüchtige Zeitungspapier gewinnt Volumen, Dichte, Gewicht.
So entsteht ein dreidimensional wirkendes „Fleisch“, das sich auf dem Holzkreuz lagert – und, im wörtlichen Sinn des Zitats, „wohnt“. Die „Fleischkreuze“ verhandeln damit den Übergang von Mitteilung zu Material: von Nachricht zu Körper, von Bildversprechen zu Bildkörper – mitten in einer säkularen, konsumgetriebenen Bildökonomie.



































































































































































































































































































































































































































